Kurze Betrachtung zur Meinungsfreiheit

Am 3. Oktober 2016 fanden ja in Dresden die Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit statt. Diese Gelegenheit haben sich Alt- und Neurechte nicht entgehen lassen, darauf hinzuweisen, dass wir in Deutschland in einer „Meinungsdiktatur“ leben und man ja nicht einmal „die Wahrheit“ sagen dürfe, ohne „in die rechte Ecke gestellt zu werden“. („Isch bin doch goor geen Nazi. Isch will bloß de Ausländer hier ni habm.“)

MIMIMI.

Natürlich darf man in diesem Land seine Meinung frei äußern, auch wenn sie einigen Leuten als unbequem erscheint. Dazu zählt auch rechtspopulistischer Kokolores. Wenn einige Rechte immer wieder lamentieren, man dürfe in diesem Land nicht mal seine Meinung frei äußern, dann muss man fragen, ob das nicht mehr mit dem eigenen kruden Verständnis als „Opfer der Geschichte“ und mit persönlichem Beleidigtsein zu tun als mit tatsächlich nicht vorhandener Meinungsfreiheit. Wegen Meinungsäußerungen rechtspopulistischer Art ist hierzulande noch niemand im Gefängnis gelandet. Aber folgende Dinge sollte man nicht außer Acht lassen:

1. Die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit gilt für jeden. Die eigene Meinungsfreiheit schließt auch immer die der anderen ein, und wenn man zum Beispiel kräftig in Richtung Ausländer austeilt und bewusst oder unbewusst Sprüche aus den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts klopft, dann darf man sich nicht darüber wundern, wenn man das um die Ohren gehauen bekommt. Kurz gesagt: Wenn mir einer mit Nazi-Parolen kommt, dann sage ich ihm, dass er redet wie ein Nazi. Wenn man das nicht will, überlegt man sich besser vorher, was man wie sagt. Ansonsten gilt: Mitgefangen, mitgehangen. Siehe auch: Ententest, sowie diesen SPIEGEL-Kommentar.

2. Sehr gerne wird der Artikel 5(2) des Grundgesetzes übersehen, der unter anderem regelt, dass die Grenzen der eigenen Meinungsfreiheit „in dem Recht der persönlichen Ehre“ liegen. Wenn es also beleidigend wird oder offener Fremdenhass, ist Schluss. Das ist in diesem Land auf Grund der Historie aus gutem Grund so, und dass das nach wie vor ein guter Grund ist, sieht man an genau den Pegida- und anderen rechtsnationalen Parolen, die derzeit so „in“ sind. Und, liebe Staatsleugner und „Reichsbürger“: Ihr könnt Euch nicht auf Art 5(1) berufen und Art 5(2) ausblenden. [UPDATE: die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages haben die einschlägigen Abschnitte des Strafrechts hier sehr verständlich erläutert.]

3. Man darf in diesem Land seine Meinung frei äußern, aber niemand ist verpflichtet, sich eine solche „Meinung“ anzuhören, sie gut zu finden oder unkommentiert zu lassen. Es ist auch niemand verpflichtet, einer solchen „Meinung“ eine Plattform zu bieten. Löschungen auf Facebook & Co. gehen daher im Rahmen geltenden Rechts völlig in Ordnung, denn Facebook darf das alleine schon auf Grund des eigenen Hausrechts, und das hat nichts mit staatlicher Zensur zu tun – nur falls jemand auf die Idee kommt, gleich wieder ZENSUR!!!! zu schreien.

4. Nur weil man zu bestimmten Dingen wie Asylrecht und Flüchtlingspolitik eine dezidiert ablehnende Meinung hat und in seiner Filterblase auf Facebook oder sonstwo keine anderslautenden Meinungen hört, weil jeder mit einer abweichenden Meinung sofort geblockt wird, bedeutet das nicht, dass man mit seiner Meinung irgendwie repräsentativ oder sogar „das Volk“ ist. Wobei das Blocken eine Menge über das Verständnis von Meinungsfreiheit des Blockenden sagt. Ein vernunftvoller Diskurs geht anders.

tl;dr: Wer rechtsnationale Parolen kloppt, hat mit Gegenwind zu rechnen.

„Google doch mal richtig!“ — Die Schere im Kopf

Sehr häufig findet man, wenn man in den „Sozialen Medien“ auf Posts von Verschwörungsgläubigen stößt, die Aufforderung, man solle sich doch mal „richtig informieren“. „Google doch mal selbst!“ oder „Du findet dazu alles auf YouTube!“ sind gerne genannte Hinweise.

Sehr geläufig sind auch Hinweise, wie die ganze Welt von höheren Mächten beherrscht wird, ohne dass „die Schlafschafe“ davon merken. Überall sind „Zeichen“ und „Hinweise“, die man als „Erwachter“ natürlich sehen kann – als Schlafschaf natürlich nicht. WACHT DOCH MAL AUF!!!! Häufig genannte „höhere Mächte“ sind in der Regel religiöser oder pseudo-religiöser Natur, wie die Illuminaten, die Freimaurer oder die Rothschilds. Fast immer gehen solche Verschwörungsfantasien zurück auf die so genannten „Protokolle der Weisen von Zion“ , prangern das „Weltjudentum“ an, und sind damit letztlich verkappt oder offen antisemitisch.

 

Lidl und das Illuminatenauge

Lidl ist eine Illuminaten-Firma. Wenn man sich die Bilder anschaut, wird das jedem „Erwachten“ sofort klar. Als „Schlafschaf“ sieht man das natürlich nicht.

 

Liebe Aluhüte, habt Ihr das mal zu Ende gedacht, wo Ihr Euch befindet?

  1. Google wurde gegründet von Larry Page und Sergej Brin. Larrys Mutter war jüdisch, und die Eltern von Sergej, der in Moskau geboren wurde und damit russischstämmiger Einwanderer ist, ebenfalls.
  2. YouTube gehört seit Herbst 2006 Google.
  3. Facebook wurde gegründet von Mark Zuckerberg, der heute zwar als Atheist lebt, aber in eine jüdische Familie geboren wurde und mit 13 Jahren sein Bar Mitzvah-Fest gefeiert hat.

Also wo glaubt Ihr zu sein, hmmm? Wenn die ganze Welt von einer jüdisch dominierten „Neuen Weltordnung“ kontrolliert wird, was macht Ihr ausgerechnet auf Google, YouTube und Facebook?

Und wie kann es sein, dass auf einer der Neuen Weltordnung gehörenden Plattform wie YouTube all Eure „Enthüllungen“ und „Aufklärungsvideos“ nicht stantepede gelöscht werden? Dass man per Google die Links darauf findet? Dass Euch Zuckerberg auf Facebook mal locker Euren rassistischen Müll abladen lässt? Schon merkwürdig. Ach, ich weiß: Das machen die alles nur, um von der NWO abzulenken.

In der morgigen Folge sprechen wir über kognitive Dissonanz.

 

 

 

 

Macht Katzenfutter wie Whiskas süchtig?

Wie einige wissen werden, beschäftige ich mich seit einer Weile mit dem Thema Verschwörungstheorien. Dabei geht es in der Regel um harten Stoff wie Illuminaten, Chemtrails und die „BRD-Lüge“.

Neulich kam mir aber etwas vor die Füße, das man selbst bei gutem Willen nur als skurril bezeichnen kann. Seit einer Weile sei bekannt, dass der Hersteller von Whiskas dem Futter irgendetwas untermischt, das die Katzen abhängig oder süchtig macht. Ähnliches wird auch über die Marken „Felix“ oder „Sheba“ berichtet.

Wie sich das für einen tüchtigen Verschwörungstheoretiker gehört („google doch mal selbst!!!“, „informier dich mal richtig!!!“) habe ich mal gegoogelt. Innerhalb von einer Minute war klar, Google liefert ausschließlich Fundstellen in diversen Katzenliebhaber- und Hausfrauenforen (talkteria.de, samtpfoetchen.de, katzen-links.de, gutefrage.net, allmystery.de, cleverefrauen.de, und andere) sowie bei dem einen oder anderen Tierheilpraktiker. Das begann etwa 2004 – ältere Fundstellen waren auf Anhieb nicht zu finden. Beiträge in Zeitungen oder Zeitschriften, seriöse Testberichte oder wissenschaftliche Untersuchungen: Fehlanzeige. Das ist noch kein Beweis, aber schon mal ein starkes Indiz dafür, dass die Behauptung auf ziemlich dünnem Eis steht.

Wenn man sich die Fundstellen genauer anschaut, wird schnell klar, dass es sich um eine bunte Sammlung von Hörensagen, Gerüchten und Anekdoten handelt, nach dem überspitzt dargestellten Prinzip „die Putzfrau des Taxifahrers meines Briefträgers hat erzählt“ oder „ich hab irgendwo gelesen“. Eine Primärquelle ist nicht zu finden (ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen).

Beispielhaft sei die Seite einer Tierheilpraktikerin genannt, die schreibt „Es könnte auch mit Zusatzstoffen, wie Lockstoffe, Farbstoffe, Geschmacksverstärker gearbeitet werden. Diese machen Ihre Katze u.U. süchtig nach dieser einen Marke.“  Sowas nennt man gemeinhin „anecdotal evidence“. Sie schreibt weiter: „Whiskas wird auch in Tierversuchen getestet, das hat der Konzern selber auf Nachfrage von der Tierschutzorganisation Peta bekanntgegeben“. OK, man hat also das Produkt testhalber an Katzen verfüttert, um zu prüfen, ob die das überhaupt mögen. TIERVERSUCHE, weißte?

Einige Forennutzerinnen schreiben sinngemäß: „Ich habe meiner Katze mal Whiskas (Sheba, Felix, …) gegeben, und nachher wollte sie nichts anderes mehr fressen.“ Ich weiß nicht, was „anderes“ die Nutzerinnen ihren Katzen nachher alles angeboten haben, aber offenbar hat das den als eigenwillig bekannten Feliden schlicht nicht mehr geschmeckt. Vielleicht waren sie auch nur mal einen Tag schlecht drauf. Leute, wissenschaftlich arbeiten und statistisch belastbare Ergebnisse abliefern geht anders.

(Ob man Katzen und Hunden unbedingt Dosenfutter anbieten muss, oder ob man sogar den m.E. abwegigen Versuch machen soll, Fleischfresser vegan zu ernähren, lasse ich offen. Das muss jeder selber wissen.)

Es dürfte kaum überraschen, dass mich das nicht überzeugt. „Ich hab mal irgendwo gelesen“, „Bekannte von uns sagen“ und „ich glaube, da ist viel (dies und das) drin“ sind die Klassiker des esoterischen Gewerbes.

An all dem ist bestimmt die Merkel schuld. Seit die Kanzlerin ist, fressen die Katzen nur noch Whiskas.

(Disclaimer: Nein, ich habe selbst keine Katze. Das muss ich aber auch nicht, um Bullshit zu erkennen.)

Liebe @DB_Bahn, bekommt doch mal Eure Reservierungen in den Griff!

Liebe @DB_Bahn, bekommt doch mal Eure Reservierungen in den Griff! Es ist mir gestern in den vergangenen Wochen schon zum dritten Mal passiert, dass ich für die Fahrt von Darmstadt nach München mit EC391 ca. 2 Stunden vor Abfahrt des Zuges in Frankfurt über http://www.bahn.de einen Platz in der 2. Klasse reserviert habe, und dann beim Einsteigen feststellen musste, dass der zugewiesene Sitzplatz gar nicht existiert, weil der Zug offenbar mit einer anderen Wagengarnitur fährt als das Reservierungssystem denkt. Konkret fehlte gestern (21.08.2013) der Platz 57 in Wagen 268, weil 268 ein alter IRE-Wagen war und keiner der sonst üblichen IC-Wagen. (Pendelt da etwa immer eine bestimmte Garnitur mit falschen Wagen? Habe ich schön öfter beobachtet.)

Die Zugbegleiterinnen waren zwar sehr höflich und machten mich auf meine Fahrgastrechte aufmerksam, aber erwartet die Bahn ernsthaft, dass ich wegen 4 Euro von Pontius zu Pilatus laufe und mir das Geld zurück hole, ansonsten in dem üblicherweise vollen Zug (deswegen die Reservierung! Hallo?) aber bis Heidelberg oder Stuttgart stehen muss? Das kann ja nicht der Sinn einer Online-Reservierung sein.

In dem Fall hatten die Zugbegleiterinnen sogar einen Alternativplatz – das war dann 268/73, aber wie hätte ich das wissen sollen? Wenn die Zugbegleiterin zufällig erst nach 15 oder 20 Minuten vorbei kommt, ist mein Anspruch auf den Platz weg. Das ist ein großer Mist.

Genau so habe ich es öfter erlebt, dass wieder mal ein Wagen fehlt und das Zugpersonal die gekniffenen Fahrgäste per Durchsage bittet, sich doch einen anderen Platz zu suchen. Das kann es nicht sein!

Liebe Bahn, Ihr müsst Euer Reservierungssystem in den Griff bekommen. Das muss wissen, welche Garnitur an einem konkreten Tag fährt, und von vornherein korrekte Reservierungen ausstellen. Das ganze System ist sonst überflüssig.

Und noch eines: Jedes Jahr die Preise erhöhen und der Service wird gefühlt immer schlechter hält kaum jemand für zeitgemäß.

Die Mühlen der Überwachung: Langsam aber gründlich

Passend zu dem Spiegel-Online-Artikel „Die Mathematik des Terrorverdachts“ hätte ich noch eine sehr persönliche Erfahrung anzubieten, wie schnell man unschuldig verdächtigt wird und sich einer Befragung unterziehen muss. Diese Erfahrung stammt aus dem Spätjahr 1980 und spielte sich an der Offizierschule der Luftwaffe (OSLw) in Fürstenfeldbruck ab, die ich zu der Zeit als Offizieranwärter besuchte. Das war natürlich noch zu prä-Internet-Zeiten, und die Methoden der Rasterfahndung waren bei weitem noch nicht so ausgefeilt wie heute, zeigt aber, wie schnell es zu false positives kommen kann.

Und das kam so:

1976 / 77 hatten mein Freund Nico (Name geändert) und ich einen kleinen Science-Fiction-Club und waren in der deutschen Szene mit einer ganzen Reihe interessanter Leute im Kontakt. Unter anderem kamen wir irgendwann an einen Herrn Christian Worch, und es gab über einige Wochen einen recht intensiven Briefkontakt hauptsächlich zu SciFi, aber mit der Zeit kam Nico und mir recht merkwürdig vor, was der Herr Worch da so von sich gab, auch wenn wir damals, Schüler die wir waren, das alles nicht recht einordnen konnten. Es war einfach – strange. Wir stellten den Kontakt daher von uns aus ein und hörten von ihm dann auch nichts mehr. Anscheinend hatte er verstanden.

Ich also im Juli 1980 zur Bundeswehr und dann an die OSLw. Irgendwann im Herbst teilte mir mein Spieß mit, der MAD wolle mal mit mir sprechen, und ich solle mich dann und dann da und da einfinden. OK, dachte ich mir, was kann denn der MAD vor Dir wollen. Die erste Frage die man mir stellte war, was ich denn mit der rechtsextremen Szene zu tun hätte und wie ich generell zu rechtsextremem Gedankengut stünde. Das fand ich zunächst einigermaßen lustig, denn wer mich kennt, weiß, dass mir „rechtsextremes Gedankengut“ ziemlich fern liegt. Ganz schnell begriff ich aber, dass das durchaus das Aus für meine Laufbahn als Luftwaffenoffizier sein könnte. Wenn man sowas mal in der Personalakte stehen hat…

Aber zunächst konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie die Schlapphüte drauf kamen, und wollte genau das wissen. Jaaaa, sagten sie mir, vor einiger Zeit hätte man bei einem gewissen Herrn Christian Worch, der inzwischen in der Neonazi-Szene auf dem Weg nach oben war, eine Hausdurchsuchung gemacht und sei eben auf meine Adresse gestoßen. Da dämmerte es mir – tatsächlich hatte der Kamerad Worch wohl Nicos und meine Adressen aufgehoben, für alle Fälle, man weiß ja nie, und bei einer Rasterung der Adresskartei kam man dann drauf, dass der Herr Milz ja Offizieranwärter an der OSLw war. Vor allem musste es offensichtlich einen Abgleich zwischen der mit dem Fall betrauten Polizei (vermutlich LKA) und dem MAD gegeben haben. Und schon musste ich mich für meinen Kontakt als Schüler zu dem Neonazi Worch verantworten.

Na gut, in dem Fall konnte ich den Kollegen vom MAD recht schnell erklären, was es damit auf sich hatte, und die Sache war vom Tisch, jedenfalls habe ich davon nie wieder was gehört.

Nicht vergleichbar mit Prism & Co.? Auf den ersten Blick vielleicht nicht, aber Prism & Co. sind auch eine ganz andere Hausnummer. Während ich wegen nur einer Übereinstimmung im Raster (hatte möglicherweise Briefkontakt) antreten und Rede und Antwort stehen musste, durchsucht Prism binnen Sekunden oder Minuten Millionen von Datensätzen nach wer weiß wievielen Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten, und wer da alles ins Raster fällt, na danke. Es wäre mal interessant zu wissen, wie viele Menschen schon in ähnlichen Situationen waren und dachten, sie wären im falschen Film, aber davon erfährt ja die Öffentlichkeit in der Regel nichts. Vor Mitte 1997 hätte ich dazu auch nichts sagen dürfen – meine dienstliche Schweigepflicht endete erst 5 Jahre nach Ende meiner Dienstzeit.

Also wer jetzt noch denkt, er habe ja nichts zu verbergen, der ist entweder naiv oder ein Schwachkopf.

Übrigens ist der ganzen Sache auch mit Verschlüsselung von E-Mail nicht beizukommen, und das weiß Herr Friedrich auch ganz sicher, wenn er die Leute dazu anhält, zu verschlüsseln. Denn es ist ja bekannt, dass die NSA sich nicht die Mühe macht, die Inhalte von E-Mails zu speichern, sondern vor allem die Metadaten – im Falle E-Mail die Mailheader, in denen unter anderem im Klartext Absender und Empfänger stehen. Vor dem Hintergrund ist Verschlüsseln zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Maßnahme, Friedrichs wohlmeinende Empfehlung daher bestenfalls eine Nebelkerze.

Ich züchte jetzt wieder Brieftauben. Mit denen kann man auch prima TCPIP machen.

Der große Tag: Halbmarathon

Tja, und dann kam der große Tag. Die Hausaufgaben (sprich: Trainingseinheiten) waren alle gemacht, die Speed hatte ich und die Ausdauer auch, aber beides zusammen (Distanz und Geschwindigkeit) hatte ich noch nicht gemacht. So gesehen war ich ein blutiger Anfänger.

Unterhaching ist ein recht verschlafenes Nest, und der run4trees-Lauf, der zum vierten Mal stattfand, hat eher familiären Charakter. Immerhin tauchen dort einige der im Münchener Umland üblichen Verdächtigen auf, wie Hugh Culverhouse (der Wahnsinnige mit den Krücken, den ich schon beim Halbmarathon München getroffen hatte) oder Herbert Metzker, der mit seinen 61 Jahren immer für Superzeiten gut ist.

Beim Start lagen die Temperaturen um die 20 Grad, und es war zu erwarten, dass die Temperatur bis zum Ende des Laufs locker auf 23 Grad gehen würden. Das war ich eher nicht gewohnt, aber ich erwartete aus meinem Bild vom Perlacher Forst, dass der größte Teil der Strecke sicherlich im Wald stattfinden würde. Die Hitze und zwischendurch pinkeln zu müssen und dadurch aus dem Rhythmus zu geraten machten mir am meisten Sorgen. Also trank ich ab ca. eine Stunde vor dem Start nichts mehr, aß aber gegen 9 Uhr noch eine Banane, machte mich in Ruhe vor dem Lauf etwa 2 km warm und mein Sextanerbläschen nochmal leer. Als „Treibstoff“ hatte ich eine Halbliterflasche Wasser mit 4 gehäuften Esslöffeln Maltodextrin und etwas Kochsalz dabei – Malto etwas hoch dosiert und damit eher hyperton, aber es sollte ja alle ca. 3-4 km Wasserstationen geben und dort könnte ich zusätzlich Wasser trinken. So ersparte ich mir die ekelhaft süßen Powergels (und der Umwelt den Abfall – liebe Hersteller, wie wäre es denn mal mit biologisch abbaubaren Gelverpackungen?).

Der Start lief gut, ich stand in der 3. Reihe und das passte auch ganz prima. Von den Ergebnissen des Vorjahres wusste ich ja, dass ich mit meiner Zielzeit unter den ersten drei meiner Altersklasse liegen müsste.

Die erste 10-Kilometer-Runde lief ganz locker, ich hatte Kilometerzeiten zwischen 4:23 und 4:41; bis zur Mitte lag der Schnitt um 4:35. Die 5km-Zeit dürfte um 23:03 gewesen sein – so viel zum Thema Horror. Und von wegen Waldwege. Der allergrößte Teil der Strecke liegt in der prallen Sonne! In der zweiten Hälfte wurde es etwas zäher, der Gesamtschnitt näherte sich der Marke 4:40, aber damit lag ich immer noch gut unter 1:39 Stunden. Meine Trinktaktik ging prima auf, ich trank an jeder Station einen Becher Wasser und fing ab 13 km mit meinem Malto-Sprit an. An jeder Wasserstation trank ich ungefähr ein Viertel der Flasche (plus etwas Wasser) und bei ca. 19 km den Rest, um die Unterzuckerung nach dem Ziel zu vermeiden (auch wenn es gleich anschließend ein alk-freies Weißbier geben würde, aber da muss man erst mal hin kommen ;-)). Und alles ohne wie zuvor im Training pinkeln zu müssen!

Das ging aber alles prima auf, und als ich im Ziel ankam, war ich supererleichtert. Die genaue Zeit wusste ich noch nicht, weil ich erst ein paar anderen Läufern gratulierte, bevor ich dran dachte, meine eigene Zeitnahme vielleicht mal zu stoppen. Das Zielfoto ist sicherlich auch nicht dolle, weil ich bisher immer erst nach der Ziellinie dran denke, die Arme hoch zu reißen. Das muss ich noch üben 😉 . Ich holte mir erst mal mein Weißbier und fand später meine Zeit online:

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Whohoo! 1:38:50, damit mit Abstand erster meiner Altersklasse und 15. insgesamt (von 98 Männern). Laut Steffny (Tabelle S. 147 „Maximal mögliche Zeiten auf Nachbardistanzen“) hätte ich bei einer 10000-Meter-Zeit von 44:00 optimal eine HM-Zeit von 1:37:14 anpeilen können, wobei er davon ausgeht, dass man als Debütant eher um die 1:42:31 rechnen solle. So gesehen und angesichts der Hitze ist das glaube ich ziemlich gut gelaufen gestern. Goil! 🙂

Culverhouse kam übrigens auf 1:38:22 (mit Krücken und obwohl er sich an einer Stelle vertüddelt hatte und wieder aufholen musste) und Metzker wurde Gesamtsieger in 1:24:32. Wahnsinn. Aber so gesehen habe ich sicher noch 10 gute Jahre vor mir 😉 .

Ich bin auch gefragt worden, ob ich denn auch einen Marathon laufen werde. Das reizt mich schon, aber erst 2014. Erfahrene Läufer sagen dazu, man solle zunächst 2 Jahre regelmäßig und viel gelaufen sein, sonst wäre das zu anspruchsvoll. Mein Traum wäre im Oktober 2014 beim Berlin-Marathon die Volldistanz zu laufen – wenn ich es denn schaffe mich anzumelden. Der Andrang ist riesengroß, und die Tickets für die Veranstaltung 2013 waren im September 2012 innerhalb weniger Stunden vergriffen. Immerhin ist Berlin einer der „Big Five“ London, Chicago, New York, Boston und eben Berlin. USA ist mir zu zeitaufwändig und zu teuer; London wäre eventuell noch eine Option, dann aber erst 2015, weil der im Frühjahr stattfindet, und das passt 2014 nicht mehr rein. Schaumermal. Bis dahin läuft noch viel Wasser den Rhein hinunter. In Deutschland gibt es auch viele tolle Veranstaltungen, bei denen dann auch nicht die Gefahr besteht, totgetrampelt oder mittels eines profanen Schnellkochtopfs in die Luft gesprengt zu werden.

Für die Zeit dazwischen habe ich mich aber noch für ein paar Halbmarathons angemeldet: 13.10.2013 beim München-Marathon (Zielzeit 1:34 Stunden), 30.03.2014 Vattenfall-Halbmarathon Berlin, 13.04.2014 Wien. Danach würde ich erst mal etwas ruhiger angehen und im Juli mit dem Training für die Volldistanz anfangen. Das Training ist aber sehr zeitaufwändig – unter anderem stehen jede Woche mehrere lange Läufe um 2-3 Stunden an, die man neben Familie und Beruf erst mal unterbringen muss. Ohne das würde ich sicherlich um die 4 Stunden herum irgendwie ankommen, aber da juckt mich dann der Ehrgeiz… Immerhin bin ich neulich knappe 32 km in glatt 3 Stunden gelaufen, da fehlt nicht mehr sooo viel.

Tipp: Wenn man sich das erste Mal an solche Distanzen rantastet, kann es sein, dass der Kreislauf beim Ankommen innerhalb von 2-3 Minuten weg kippt. Beim Laufen hält einen noch das Adrenalin aufrecht, aber das ist dann schlagartig weg. Das Stichwort ist hier Unterzuckerung. Dagegen hilft, entweder gegen Ende des Laufs nochmal ordentlich „Stoff“ einzuwerfen oder gleich nach Ankommen einige Esslöffel Traubenzucker mit viel Flüssigkeit einzunehmen. Nach diesem 32er konnte ich aber nicht mal mehr das, und meine Frau musste mich wieder aufpäppeln. Nächstes Mal geht das besser. Beim ersten 25km-Lauf war das auch so, dann nicht mehr. Der Körper lernt offenbar damit umzugehen, und man selbst auch.

Will damit auch sagen, der typische Bluthockdruckpatient bin ich nicht mehr. In der Regel ist der Blutdruck vorbildlich bei 125/80 oder sowas, und mein Ruhepuls tickt irgendwo zwischen 40 und 45. Ich war dieses Frühjahr nochmal beim Kardiologen, weil mein Puls unter Last immer ziemlich rauf geht und damit 5-10 Prozent höher liegt als die ganzen Pulstabellen so suggerieren. Andererseits kann ich zu Fuß oder mit dem Rad eineinhalb Stunden mit Puls 150 durch die Gegend hetzen und fühle mich prächtig dabei. Der Doc jedenfalls setzte mich aufs Ergometer, ultraschallte meine Herzklappen und schaute sich das alles an, und fand das dann ziemlich lustig, dass ich überhaupt vorbei gekommen bin. Er habe nicht oft solche Patienten, ich solle mal machen, so lange ich mich gut dabei fühle, meinte er. Am 16.08. bin ich in der Kardiologie bei der TU München angemeldet, großer Check mit Laufband-EKG, Sauerstoffaufnahme und allem Gedöns. Sicher ist sicher.

So lange das körperlich noch geht, stellt sich mir auch die Frage, ob ich mich irgendwie spezialisieren sollte oder ob ich mich noch verbessern kann. 10 km in 40 Minuten? Halbmarathon in 1:29? Lieber die längeren Strecken, weil sich Ausdauer in meinem Alter eher trainieren läßt als Geschwindigkeit?

Ach egal. Ich werde es jetzt erst mal etwas ruhiger angehen lassen, wieder mehr Rad fahren, mit Florian laufen, und im August geht es wieder ins Training für Oktober.

Ich weiß nur eins: Mir ist es lieber ich falle irgendwann mit einem Herzkasper aus den Laufschuhen oder vom Rad als überfressen vom Sofa zu rutschen. Dieses Mal will ich die Kurve kriegen.

Fortsetzung folgt – vielleicht!

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Vom Freizeitläufer zum „Volksläufer“ in 3 easy steps

Ich hatte mich Anfang Dezember auf 10 km gesteigert und schaffte es dann, das jeden Sonntag zu laufen. Das war dann meine „Langstrecke“. Mitte Januar 2013 lief ich erstmals 15 km und im Februar die 10 km erstmals ohne systematisches Training um 48 Minuten, was schon ein Knall war. Ich fing an zu überlegen, ob ich vielleicht bei einem der vielen Volksläufe mitmachen sollte. Ziemlich spontan meldete ich mich beim Freisinger Frühlingslauf am 24.03.2013 an. Ende Februar konnte ich dann aber eine Woche lang gar nicht laufen, weil ich die linke Kniekapsel entzündet hatte. Wahrscheinlich überlastet, weil ich wochenends davor 15 km auf Schneematsch und schmelzendem Schnee gelaufen war. Trotz Winterlaufschuhen mit groben Stollen war das wohl keine so gute Idee. Merken!

Da ich ja ursprünglich vom Schwimmen und Rad fahren kam, dachte ich natürlich auch an Triathlon. Erst mal die Volksdistanz, denn die olympische mit 40 km Rad und dann 10 km Laufen schien mir unerreichbar. Inzwischen denke ich, das wäre auch machbar, vergleichbar mit dem Aufwand für ein Marathon-Training, aber ich bin eigentlich ganz weg davon und laufe fast nur noch. Das hat auch mit meiner beruflich bedingten Reisetätigkeit zu tun. Schuhe sind mal schnell eingepackt – irgendwo findet sich immer eine passende Runde. Schwimmen gehen setzt ein passendes Bad mit Bahnen voraus, und das Rad mitzunehmen kann man sich gleich ganz abschminken. Und ohne gezieltes Wechseltraining – nee lass mal. Mir reicht es eben nicht einfach nur anzukommen. Ich will ein Ziel vor Augen haben und mich darauf vorbereiten können.

Am Tag des Frühlingslaufs war es ziemlich kalt; ich lief in meinen kompletten Winterklamotten (die hatte ich nach und nach zugekauft – Tights, Funktionsunterwäsche, darüber meine Windbreaker-Jacke vom Radfahren. Nicht modisch zusammengestellt, aber tut). Meine Finisher-Zeit über 10,6 km (halbe Halbmarathon-Strecke) war knapp unter 51 Minuten, umgerechnet auf 10 km 47:56 min.

Mich hatte es gepackt. Das fand ich supergeil. Was war da noch drin? Ich suchte nach Trainingsplänen. Die frei erhältlichen im Internet fand ich todlangweilig, viel zu unspezifisch. „langer Dauerlauf 20 km“ – was sollte das denn sein? Wie schnell, wie gleichmäßig, was denn. Dann stieß ich auf das „Große Laufbuch“ von Herbert Steffny. Gekauft, gelesen, das war es. Der Mann weiß, wovon er redet, ist schließlich selber viele Jahre erfolgreich 10km, Halbmarathon und Marathon international gelaufen. Marathon unter 2:12 Stunden, später mit 50 Jahren Deutscher Seniorenmeister über 10 km in einer 32er Zeit – der Mann konnte nicht so viel falsch gemacht haben. Nach Ende seiner Läuferkarriere hat er als Trainer und Coach gearbeitet – unter anderem hat er Joschka Fischer zum Halbmarathon in 1:37 Stunden gebracht.

Also OK, 48 Minuten auf 10 km war ich schon zweimal gelaufen. Ein 10km-Trainingsplan für 49 Minuten war also eher keine Herausforderung. Also peilte ich den Plan für 44 Minuten an und meldete mich für das 10km-Rennen beim Halbmarathon München am 05.05. an. Ich zog jede einzelne Trainingseinheit durch, das Wetter spielte auch mit (Stichwort langer Winter!). Alle Tempoeinheiten liefen prima, und ich lief am 21. April zum ersten Mal 25 km.

Am 05.05. lief ich dann eine offizielle Zeit von 43:59. Das ist eine Pace von 4:24 Minuten auf den Kilometer (man lernt mir der Zeit in Paces zu denken). In nur sechs Wochen hatte ich mich mit Hilfe dieses Trainingsplans um glatte 4 Minuten verbessert. Und was für eine Punktlandung!

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Und das, obwohl ich beim Rennen keine Rückmeldung von Runtastic bekam. Ich neige generell dazu, zu schnell loszurennen respektive immer schneller zu werden, und hatte gehofft das mit einer Ansage jeden halben Kilometer in den Griff zu bekommen. Und eine Minute vor dem Start ist die doofe App stumm wie ein Fisch. Nichts mehr zu ändern, da musste ich jetzt durch. Ich wusste aber von den Ergebnissen des Vorjahres, dass ich mit einer Zeit um 44 Minuten irgendwo um Platz 50 ankommen müsste, außerdem würde es noch Halbmarathon-Läufer geben, die schneller wären. Also dachte ich mir, wenn Du schaust, dass Du vielleicht 80 oder so Leute vor Dir hast, dann kannst Du Dich an der Pace der neben Dir laufenden Leute orientieren. Das passte auch prima, am Ende hatte ich noch Luft für einen Spurt über vielleicht 500m. Als ich ins Ziel kam, hatte ich wegen der Runtastic-Fehlfunktion erst mal keine Ahnung, wie schnell ich gewesen war. Egal, ich holte mir erst mal ein alk-freies Weißbier und schaute danach auf die Uhr. 10:46. Gestartet worden war um Schlag 10. Da wusste ich, dass ich wenigstens eine 45er, wahrscheinlich aber eine 44er Zeit gelaufen war. Erst als die offiziellen Ergebnisse da waren (online und als Aushang) wusste ich meine Zeit, und war stolz wie Oskar. 43:59! Dritter meiner Altersklasse (von 27), und bei der Siegerehrung auf Anhieb auf dem Treppchen! Wer das noch nie mitgemacht hat, dem ist das Gefühl schwer zu beschreiben. Mein Sohn, der mich an dem Tag begleitete, war jedenfalls auf seinen Papa superstolz!

Übrigens war ich tatsächlich viel zu schnell losgelaufen – ich hatte mich ca. 5 Meter von der Startlinie aufgestellt, um nicht zu viele langsamere Läufer gleich zu Anfang überholen zu müssen (musste ich trotzdem, wie schon beim Frühlingslauf) und lief die beiden ersten Kilometer unter 4:15, weil ich mich von den wirklich schnelleren mitziehen ließ. Am Ende wurde ich langsamer, aber es reichte trotzdem noch. Erkenntnis: Zu schnell loslaufen ist keine gute Idee. Eine Binsenweisheit, die ich bei Steffny hätte nachlesen können.

(Die stumme App war übrigens ein Layer-8-Problem, das heißt das hatte ich selber verbockt. Unter uns IT-Leuten nennt man das auch PEBCAK – problem exists between chair and keyboard. Vom Spaziergang am Vortag hatte ich Live-Tracking mit Anfeuern noch abgeschaltet, und beim Anlegen des Armgurts hatte ich wohl den Ton versehentlich auf stumm geschaltet. Die RT-App selbst hatte einwandfrei funktioniert. Aber ich war wohl zu aufgeregt gewesen, um das mitzubekommen. Kein Anfeuern, keine Zwischenansagen.)

Der nächste natürliche Schritt war dann der Halbmarathon. Die laut Steffny mit 44 Minuten für 10 km korrespondierende Zielzeit für den Halbmarathon ist 1:38 Stunden.

Die Trainingspläne für 10 km und Halbmarathon unterscheiden sich nicht grundlegend. Die Intervalleinheiten sind länger (1000 und 2000 Meter statt 400 und 1000 Meter), aber alles andere ist fast deckungsgleich. Steffny baut bei den längeren Distanzen immer kürzere Testrennen ein, beim Halbmarathon also 10 km zwei Wochen vor dem HM-Rennen. Dafür habe ich den Sport-Scheck-Stadtlauf genutzt und lief die 10 km in 44:12 min. Soweit alles OK.

Der erste „offizielle“ Halbmarathon steht nun morgen an, beim run4trees in Unterhaching …

Dazu mehr in Kürze … 😉

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