Die Mühlen der Überwachung: Langsam aber gründlich

Passend zu dem Spiegel-Online-Artikel „Die Mathematik des Terrorverdachts“ hätte ich noch eine sehr persönliche Erfahrung anzubieten, wie schnell man unschuldig verdächtigt wird und sich einer Befragung unterziehen muss. Diese Erfahrung stammt aus dem Spätjahr 1980 und spielte sich an der Offizierschule der Luftwaffe (OSLw) in Fürstenfeldbruck ab, die ich zu der Zeit als Offizieranwärter besuchte. Das war natürlich noch zu prä-Internet-Zeiten, und die Methoden der Rasterfahndung waren bei weitem noch nicht so ausgefeilt wie heute, zeigt aber, wie schnell es zu false positives kommen kann.

Und das kam so:

1976 / 77 hatten mein Freund Nico (Name geändert) und ich einen kleinen Science-Fiction-Club und waren in der deutschen Szene mit einer ganzen Reihe interessanter Leute im Kontakt. Unter anderem kamen wir irgendwann an einen Herrn Christian Worch, und es gab über einige Wochen einen recht intensiven Briefkontakt hauptsächlich zu SciFi, aber mit der Zeit kam Nico und mir recht merkwürdig vor, was der Herr Worch da so von sich gab, auch wenn wir damals, Schüler die wir waren, das alles nicht recht einordnen konnten. Es war einfach – strange. Wir stellten den Kontakt daher von uns aus ein und hörten von ihm dann auch nichts mehr. Anscheinend hatte er verstanden.

Ich also im Juli 1980 zur Bundeswehr und dann an die OSLw. Irgendwann im Herbst teilte mir mein Spieß mit, der MAD wolle mal mit mir sprechen, und ich solle mich dann und dann da und da einfinden. OK, dachte ich mir, was kann denn der MAD vor Dir wollen. Die erste Frage die man mir stellte war, was ich denn mit der rechtsextremen Szene zu tun hätte und wie ich generell zu rechtsextremem Gedankengut stünde. Das fand ich zunächst einigermaßen lustig, denn wer mich kennt, weiß, dass mir „rechtsextremes Gedankengut“ ziemlich fern liegt. Ganz schnell begriff ich aber, dass das durchaus das Aus für meine Laufbahn als Luftwaffenoffizier sein könnte. Wenn man sowas mal in der Personalakte stehen hat…

Aber zunächst konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie die Schlapphüte drauf kamen, und wollte genau das wissen. Jaaaa, sagten sie mir, vor einiger Zeit hätte man bei einem gewissen Herrn Christian Worch, der inzwischen in der Neonazi-Szene auf dem Weg nach oben war, eine Hausdurchsuchung gemacht und sei eben auf meine Adresse gestoßen. Da dämmerte es mir – tatsächlich hatte der Kamerad Worch wohl Nicos und meine Adressen aufgehoben, für alle Fälle, man weiß ja nie, und bei einer Rasterung der Adresskartei kam man dann drauf, dass der Herr Milz ja Offizieranwärter an der OSLw war. Vor allem musste es offensichtlich einen Abgleich zwischen der mit dem Fall betrauten Polizei (vermutlich LKA) und dem MAD gegeben haben. Und schon musste ich mich für meinen Kontakt als Schüler zu dem Neonazi Worch verantworten.

Na gut, in dem Fall konnte ich den Kollegen vom MAD recht schnell erklären, was es damit auf sich hatte, und die Sache war vom Tisch, jedenfalls habe ich davon nie wieder was gehört.

Nicht vergleichbar mit Prism & Co.? Auf den ersten Blick vielleicht nicht, aber Prism & Co. sind auch eine ganz andere Hausnummer. Während ich wegen nur einer Übereinstimmung im Raster (hatte möglicherweise Briefkontakt) antreten und Rede und Antwort stehen musste, durchsucht Prism binnen Sekunden oder Minuten Millionen von Datensätzen nach wer weiß wievielen Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten, und wer da alles ins Raster fällt, na danke. Es wäre mal interessant zu wissen, wie viele Menschen schon in ähnlichen Situationen waren und dachten, sie wären im falschen Film, aber davon erfährt ja die Öffentlichkeit in der Regel nichts. Vor Mitte 1997 hätte ich dazu auch nichts sagen dürfen – meine dienstliche Schweigepflicht endete erst 5 Jahre nach Ende meiner Dienstzeit.

Also wer jetzt noch denkt, er habe ja nichts zu verbergen, der ist entweder naiv oder ein Schwachkopf.

Übrigens ist der ganzen Sache auch mit Verschlüsselung von E-Mail nicht beizukommen, und das weiß Herr Friedrich auch ganz sicher, wenn er die Leute dazu anhält, zu verschlüsseln. Denn es ist ja bekannt, dass die NSA sich nicht die Mühe macht, die Inhalte von E-Mails zu speichern, sondern vor allem die Metadaten – im Falle E-Mail die Mailheader, in denen unter anderem im Klartext Absender und Empfänger stehen. Vor dem Hintergrund ist Verschlüsseln zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Maßnahme, Friedrichs wohlmeinende Empfehlung daher bestenfalls eine Nebelkerze.

Ich züchte jetzt wieder Brieftauben. Mit denen kann man auch prima TCPIP machen.

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